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PROJECT CONSULT Newsletter 20010809
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“
Boris Jelzin
Lieber Boris, völlig falsch. Es muss heißen, „wer zu früh kommt, den bestraft der Markt“. Alle Anbieter hecheln immer den neuesten Trends hinterher und stürzen sich auf jedes neue BuzzWord. Beim Verwalten großer Informations- und Dokumentenmengen kommt es jedoch mehr auf Kontinuität und langfristige Verfügbarkeit an. Viele innovative Ideen fallen ins Leere, weil die Zeit noch nicht reif war. So z.B. HYPARCHIV von GFT Solutions, das bereits Ende der 80er Jahre mit zahlreichen Funktionen und Eigenschaften glänzte, die heute noch bei vielen Wettbewerbern zum Wunschkatalog zählen. Heute ist HYPARCHIV nur ein Produkt unter vielen, einfach zu früh dagewesen. Oder aber die Standardisierung von Archivsystemen für Sparkassen aus dem Jahr 1996. Erst heute sind Merkmale wie Modularität, wiederverwendbare Dienste, Trennung von dynamischer Ablage und Langzeitarchiv, selbstbeschreibende Dokumentobjekte und andere Features auf dem Weg Standard der Branche zu werden. Bei der elektronischen Archivierung muss man in anderen Zeiträumen denken und braucht nicht auf die neuesten Schnörkel Rücksicht zu nehmen. Man kann jedoch nie früh genug mit dem Archivieren anfangen, denn wie sagte noch Erkki Likaanen „die elektronische Archivierung ist das Gedächtnis des Informationszeitalters“. Dieses Gedächtnis ist bereits sehr lückenhaft. Auch der erwachsene Mensch erinnert sich nicht mehr, was er als Baby getan hat. Er freut sich jedoch über jedes GrinsePhoto aus seiner Kindheit. In einer zunehmend digitalen Welt mit wachsender Intransparenz, fortschreitender Automatisierung und exponentiell ansteigendem Informationsangebot kann man sich nicht mehr auf solche Einzelfunde aus der Kinderzeit verlassen. Die Höhe unserer Strafe, um noch einmal den Gedanken von Boris aufzugreifen, ist jedoch noch nicht festgelegt, da der Wert von Information noch nicht gemessen wird.
„Unter Geiern“
Karl May
Lieber Karl, die Geier kreisen nicht nur über dem verirrten, richtungslos dahinziehenden Treck in der Llano Estacado, sondern leider auch über den Häuptern vieler Geschäftsführer und Vorstände der DRT-Branche. Viele, die noch im vergangenen Jahr zu den führenden 25 „CEO`s“ der Branche gerechnet wurden, hat es inzwischen erwischt – kein Heiligenschein mehr, nur noch kreisende Geier ums Haupt oder ganz weg vom Fenster. Es mehren sich die Zeichen, dass bei zahlreichen Anbietern die Kassen leer sind und die Zahlungsmoral nähert sich mancherorten dem Nullpunkt. Auch die GDPdU, die die elektronische Archivierung zur Pflichtveranstaltung machen soll, hat auf die Marktnachfrage noch wenig Auswirkungen. Es macht sich für die Branche negativ bemerkbar, dass man seit dem Erscheinen des ersten Entwurfes im Oktober 2000 über ein halbes Jahr verstreichen ließ, bevor man mit der Information und Bewerbung der potentiellen Kunden richtig aktiv wurde. Da die Begriffe eBusiness, Collaborative Commerce und Knowledge Management im Moment auch keinen Kunden hinterm Ofen hervorlocken, ist davon auszugehen, dass mancher Platz auf der DMS EXPO leer bleiben wird weil die Geier nicht mehr kreisen, sondern sich auf dem Kadavern häuslich einrichten.
„Die ganze Börse hängt nur davon ab, ob es mehr Aktien gibt als Idioten oder umgekehrt“
. André Kostolany
Nein, lieber André, dies ist nun wirklich ein bisschen zu hart. Gut, fast alle börsennotierten DRT-Hersteller und DRT-Systemintegratoren bewegen sich langsam auf den „Null-Kurs“ oder gleich den Rausschmiss aus dem Neuen Markt zu. Aber Idioten ist für Anleger, besonders Klein-Anleger, zu ungerecht bemessen. Verkraften könnte man noch gerade Begriffe wie Illusionisten, Euphoriker, Nachläufe oder Zocker. Dies alles hat nichts mit harmlosen Idioten zu tun, lieber André, deren Geisteskräfte lediglich unserem Alltag nicht gewachsen sind. Bei einigen Analysten und Unternehmenslenkern muss man auch Begriffe wie Scharlatan oder Größenwahnsinniger in den Mund nehmen. Börse, Anleger, Analysten und Unternehmen begaben sich in eine tödliche Spirale von „selffullfilling prophecies“, die einmal umgekehrt, im „Spin“ zu Boden führt. Flieger wissen, „Spin-Recovery“ ist nicht einfach man braucht hierfür eine gute Ausbildung, gute Nerven und entsprechend zupackendes Handeln. Bleiben wir hier daher beim noch ungefährlichen Begriff Euphorie. Die Euphorie erfasste nicht nur die Anleger, sondern viel schlimmer, auch die Unternehmer. Die noch ungeübten, von der Entdeckung der Börse faszinierten Anleger wurden von einer unreflektierten Euphorie überwältigt als unverantwortliche Protagonisten die Devise ausgaben, am Neuen Markt lässt sich Geld ohne Arbeit, Leistung und Risiko verdienen. Die Unternehmen der Börsengänger, im DRT-Bereich, alles eher hausbackene, kleinere Mittelständler, handelten ebenfalls im euphorischen Rausch und waren ganz einfach der Herausforderung einer börsennotierten AG nicht gewachsen. Das Geld wurde mit vollen Händen für fragwürdige Aufkäufe und unkontrollierte Expansion ausgegeben. Viele Gründer von Startups sind inzwischen abgetreten – worden, mancher wird noch folgen. Es wurde versäumt, rechtzeitig ein effizientes, qualifiziertes Management aufzubauen und langfristig tragfähige Strategien zu entwickeln. Dem Druck der eigenen quartalsmäßigen Erfolgsmeldungen war man dann nicht mehr gewachsen. Idioten merken häufig nicht, was mit Ihnen passiert oder was sie tun Glückseelige. Vielleicht sollte man sich doch besser an Voltaire halten: „In einer irrsinnigen Welt vernünftig sein zu wollen, ist schon wieder ein Irrsinn für sich“.
„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“
Platon
Oh, oh, lieber Platon, was für ein schöner Irrglaube – oder nicht ?! Viele DRT-Anbieter suchten ihr Heil im Aufkauf von Firmen, um die Produktpalette zu ergänzen, eigene Entwicklungsressourcen freizuhalten, in neue Märkte einzusteigen oder in bestimmten Bereichen einfach sich mit Ressourcen zu verstärken. Viele der Integrationen sind gescheitert oder ließen durch die unterschätzten Aufwände alle schöngerechneten Synergiepotentiale im Nirvana verschwinden. Dass Platons Sinnspruch selten zum Tragen kam, war meistens ein hausgemachtes Management-Problem. Und natürlich eine Frage des Anspruchs. Als Zulieferer von Dokumenten-Technologien, die von großen Integratoren und Softwareherstellern in deren Produkte eingebunden werden, kann man auch als kleineres Unternehmen gut leben. Hat man sich jedoch den Anspruch der Marktführerschaft, des Aufbruchs in neue Marktsegmente und eine weltweite Präsenz auf die Fahne geschrieben, muss man auch eine gewisse Unternehmensgröße besitzen. Die Schwelle zum „International Player“ hat keines der mittelständischen europäischen DRT-Unternehmen überschritten. Es kann auch keiner aus eigener Kraft in einem begrenzten Marktsegment mit hoher Fragmentierung dies schaffen. Anläufe, ein am Weltmarkt konkurrenzfähiges DRT-Unternehmen durch Zusammenführung wichtiger Anbieter zu schaffen, sind im Sande verlaufen. Einige der Börsengänger trennen sich bereits wieder von Bereichen oder zugekauften Unternehmen. Eine weitere Expansion durch Aufkäufe ist angesichts leerer Kassen und der abfallenden Konjunkturkurve nicht zu erwarten. Das sich immer schneller drehende Personalkarussel sorgt auch nicht gerade für Kontinuität und Durchsetzung strategischer Ausrichtungen. Dabei wäre es so schön gewesen – Kombination der Kräfte, jeder beschränkt sich auf das was er am besten kann, oder mit einem chinesischen Sprichwort ausgedrückt „fünf einzelne Finger kann man brechen, die Faust jedoch nicht“. Hätte man die Zeichen der Zeit erkannt, hätte auch Platons Sinnspruch Realität werden können: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“. (Kff)
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