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Schwarze Schafe
PROJECT CONSULT Newsletter 20020710
Schafe gibt es in jeder Branche. Man darf daher die Praktiken einiger nicht auf die gesamte Branche übertragen. An der Börse notierte DRT-Unternehmen sind vergleichsweise noch gut weggekommen, wenn man an die Pleiten der New und der Old Economy der letzten Monate denkt .In Zeiten des „Shareholder Value“ denkt man immer zunächst an die vernichteten Milliarden. Die geschädigten Anleger hätten es besser wissen können. Wirklich geschädigt sind die Mitarbeiter, die heute zu Tausenden auf der Straße stehen oder wie im Babcock-Skandal ganze Landstriche in die Depression treiben. Die Auswirkungen der Firmenskandale in den USA werden die der Katastrophe vom 11.09.2001 übertreffen. Geschädigt sind auch die Kunden der Anbieter, die heute mit Migrationsangeboten geradezu belästigt werden. Doch was heißt hier Migration – von einem proprietären System auf das nächste proprietäre System ?
Die Ursachen liegen tiefer
Die Fachpresse hat die Niedergänge von SER und CEYONIQ weidlich ausgeschlachtet. Auch wenn diese Fälle noch nicht abgeschlossen sind und weitere anstehen, die Ursachen für die Krise liegen tiefer. Man kann nun argumentieren, es habe immer zu viele Anbieter gegeben, der IT-Markt steckt allgemein in Problemen und zieht die DRT-Branche mit hinunter, wir haben eine allgemeine Wirtschaftsdepression, usw. usw. Dies alles ist richtig, aber es gibt eine weitere Ursache, die seit Entstehen der DRT-Branche ihren Durchbruch behindert: das mangelnde Verständnis für die Bedeutung dieser Technologie und den Wert von Information bei den Entscheidern der potentiellen Anwender. Die mangelnde Investitionsbereitschaft hat sich durch den Niedergang des vielgelobten eBusiness verstärkt – vielfach wurde sich auf die Schenkel geklopft „habe ich doch schon immer gewusst, dass das mit dem elektronischen Geschäftsverkehr nicht klappen kann“. Die Zukunft ist jedoch digital. Nach dem ersten Hype wird der flächendeckende Einsatz kommen. Und dies bedeutet, wir brauchen Knowledge Management für die stetig anwachsenden Informationsberge, wir brauchen Workflow für medienbruchfreie, optimierte Prozesse, wir brauchen elektronische Archive, um unsere Informationen langfristig bewahren und nutzen zu können. Wir stehen erst am Anfang der Entwicklung, nicht an deren Ende.
Der Druck auf Unternehmen und öffentliche Verwaltung zum Einsatz wie auch immer genannter Dokumententechnologien wird immer größer. Mit der zunehmenden Verbreitung steigt auch die Abhängigkeit von der Verfügbarkeit von Information – und damit auch die Angst Fehlentscheidungen zu treffen und Projekte hinauszuzögern. Dies löst jedoch nicht die anstehenden Aufgaben. Bei sorgfältiger Planung und Einhaltung von Standards lässt sich die gewünschte und benötigte Unabhängigkeit von den Produkten einzelner Anbieter erreichen.
Die DRT-Branche tut sich mit ihrer derzeitigen massiven Migrations-Werbung keinen Gefallen. Wer den Wegfall von Unternehmen und Produkten als Argument benutzt, muss sich auch nach der Zukunft seiner eigenen Firma fragen lassen. Wie sieht eine solche Antwort aus, wenn es um die Verfügbarkeit von Informationen über einen Zeitraum von 30 oder 100 oder gar 300 Jahren geht ? Hier ist kein kurzfristiges Migrieren angesagt, sondern tragfähige Konzepte zur „Constant Migration“. Dass Migration eine Selbstverständlichkeit ist und auch anders als durch Umkopieren von Medien erreicht werden kann, ist dabei den meisten Angeboten der DRT-Anbieter nicht zu entnehmen.
Ein immanentes Problem
nicht nur bei den schwarzen Schafen
Kommen wir zurück auf unsere schwarzen Schafe. Auch diese haben in den vergangenen Jahren Systeme von Wettbewerbern abgelöst um nun selbst zur Ablösung anzustehen. Dies allein sollte die Bedeutung des Themas Migration klar machen. Wie will ein Unternehmen den Wechsel zum dritten, ja vierten Produkt in wenigen Jahren argumentieren. Die Wirtschaftlichkeit und die Köpfe manchen verantwortlichen Mitarbeiters bleiben dabei auf der Strecke. Man sollte aus den vorangegangenen Projekten gelernt haben. Jeder individuelle Wunsch, jeder nicht eingehaltene Standard, führt zu langfristigen Problemen. In Projekten hatte man manchmal den Eindruck, das sobald der Vertrag unterschrieben war, die Anbieter aus Eigennutz machten was sie wollten. Die Sicherstellung von Kompatibilität und der Verfügbarkeit der Information in anderen Umgebungen blieb dabei häufig auf der Strecke. Langfristig ausgelegte IT-Konzepte für den Einsatz von DRT fehlten meistens und so darf sich der Anwender nicht wundern, wenn er jetzt auf einer kostenträchtigen Insel sitzt.
Halten die Rettungsanker ?
Aus den beiden augenfälligsten schwarzen Schafen, SER Systems und CEYONIQ, haben sich Spinoffs gebildet. Während die MBO-Nachfolgegesellschaften von SER mehr oder weniger gerichtlich untersagt wurden und keiner so richtig weiß, wie viel die Software wert ist und wem sie gehört, hat die CEYONIQ zumindest eine geordnete GmbH mit Hilfe einer Reihe von Großkunden auf die Beine gestellt. Doch diese ist auch bereits vom Verfall bedroht. Wichtige Know-how-Träger sind bereits weg, andere haben gerade gekündigt. Betrachtet man dann noch vollmundige Ankündigungen, dass alle Produktlinien weiterentwickelt, oder zumindest weitergepflegt werden, stellt sich die Frage, ob die Beteiligten immer noch im Wolkenkuckucksheim leben. Es ist daher sowohl bei den Folgegesellschaften von SER als auch von CEYONIQ noch nicht einmal mehr die Pflege der vorhandenen Installationen sichergestellt (sofern sie nicht bereits vom Wettbewerb abgebaut worden sind). Andere Kunden waren schlauer und haben sich die benötigten Know-how-Träger direkt auf die eigene Payroll gesetzt oder mit anderen, CEYONIQ oder SER ursprünglich nahestehenden Firmen, den Übergangsbetrieb sichergestellt.
Für die DRT-Branche heißt es aus den Fehlern der ehemaligen Wettbewerber zu lernen, sich auf seriöse Geschäftspraktiken zurückzubesinnen, die eigene Leistungsfähigkeit realistisch einzuschätzen, und den Anspruch der Kunden, das Wissen der Unternehmen langfristig zu sichern, endlich einmal ernst zu nehmen. „Weiter so wie bisher“ funktioniert nicht mehr. (Kff)
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Zuletzt aktualisiert am: 21.6.2004
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