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Schlagabtausch
PROJECT CONSULT Newsletter 20080930
Intro
Die Argumente für das zweite und das dritte Thema der Diskussionsrunde waren bereits vorher absehbar. Es geht um die Diskussionsrunde bei SER Solutions am 09.09.2008 zwischen Dr. Ulrich Kampffmeyer und Bernhard Zöller. Bereits im Vorwege hatte SER in der Bewerbung die Akzente gesetzt, je mehr Divergenz der Meinungen, desto interessanter als Aufmacher. Beim zweiten Thema ging es um die Konsolidierung des Marktes. Wenn man Konsolidierung so verstehen will, dass am Ende nur drei Produkte weltweit übrigbleiben, dann muss man auch automatisch Recht behalten. Allerdings sollte man auch den Journalisten sagen, wenn sie jetzt aktuelle bei Bankenübernahmen von Konsolidierung sprechen, dass sie falsch liegen, denn es gibt weiterhin deutlich mehr als nur drei Banken. Ein Blick in Wikipedia.de zeigt die unterschiedlichen Bedeutungen des Begriffes Konsolidierung. Am dritten Thema „DMS auf Betriebssystemebene“ könnte man sich auch stundenlang darüber streiten, was wer mit welchem Begriff gemeint hat. Die Nutzung von Informationen – und auch Dokumenten – im Web folgt bereits heute anderen Regeln als wir sie bei DMS kannten. DMS nicht auf Ebene des Betriebssystems, Microsoft nicht der alleinige Anbieter von DMS – Pyrrhus-Siege. Das erste Thema betraf dann den neuen europäischen Standard, Entschuldigung, die neue Leitlinie für das elektronische Records Management. Veraltet, Bürokratismus und ein nicht nutzbringender Stapel von über 100 Seiten Papier. So stellte es sich in Neustadt/Wied da. Das ein Testverfahren, dass von Zertifizierungsstellen in ganz Europa mit gleichem Ergebnis und gleicher Qualität durchgeführt werden soll, etwas voluminöser ausfallen muss, gerät dabei gern aus der Sicht. Dass es auch nicht allein um das Thema Zertifizierung geht sondern die Testdaten und Test¬szenarien auch anderweitig genutzt werden, kann man auch gern vergessen. Dass eine Richtlinie wie MoReq2 nur die Basisfunktionalität, die ein System haben muss, beschreibt, und den Anbietern offen lässt, was sie zusätzlich an Funktionalität anbieten und wozu sie die Metadaten noch benutzen, das sollte nicht vergessen werden.
Und das die denkwürdige Diskussion selbst nicht in Vergessenheit gerät, haben wir eine Abschrift gefertigt, denn wie lange die Video-Aufzeichnung (fünf Teile) unter http://www.ser.de/doxis4/webtv.cfm im Web steht, weiß man ja nie so genau (auch wenn es schon Teile bei Youtube zu finden gibt).
MH Markus Hartbauer, Moderator, SER
Kff Dr. Ulrich Kampffmeyer, PROJECT CONSULT
BZ Bernhard Zöller, Zöller & Partner
Transkript der Videoaufzeichnung
MH:
Ich darf die beiden nochmals ganz kurz vorstellen: Herr Zöller hat 23 Jahre Erfahrung mit Archiv und DMS. Er gehört unter anderem dem Vorstand des VOI an und hat auch dort die Marktübersicht zu DMS als Autor erstellt. Herr Kampffmeyer ist Geschäftsführer der Firma PRO-JECT CONSULT und ist einem jedem bekannter Experte in Deutschland was das Thema DMS, Archiv, aber auch ECM betrifft.
Das Thema was wir heute haben beginnt mit dem Sinn und Unsinn von Zertifizierungen. Viele von Ihnen haben ja in der Vergangenheit schon die ein oder andere Ausschreibung gestaltet und haben sich sicherlich überlegt, ob sie dort nicht Zertifizierungen mit hineinschreiben, die sie von Ihren Anbietern erwarten. Früher vielleicht einmal so etwas wie ODMA oder wie WfMC oder andere Zertifizierungen, die irgendwann dann auch wieder verschwinden. Das neueste ist ja gerade als sehr interessantes Thema MoReq2 als Standard, der jetzt gerade heraußen ist, und ich möchte Herrn Kampffmeyer grad mal bitten, uns zu erklären, was MoReq2 ist überhaupt darstellt und umfasst.
Kff:
Ja, ich will hier keinen Langvortrag halten. MoReq steht für Model Requirements for Electronic Records Management. Der Begriff Records Management ist Ihnen vielleicht nicht vertraut, da wir im Deutschen dummerweise dort das Wort Schriftgutmanagement verwenden. Dieser Standard ist eine Guideline, herausgegeben von der Europäischen Kommission, erstellt unter der Federführung des DLM-Forum, und die Version MoReq2, die sinnvollerweise auch nicht MoReq 2.0 heißt, ist jetzt am 13. Februar erschienen. Die Spezifikation setzt sich zusammen aus einem Requirements-Dokument, wo die Funktionalität beschrieben ist. Es hat einen umfangreichen Testkatalog, der einerseits diesen Standard überprüfbar macht und zum Zweiten auch eine sehr technische Erklärung dafür bietet, was an Funktionalität beschrieben ist. Zum Dritten sind die wesentlichen Komponenten, was das Datenmodell und das Entitätenmodell angeht, auch als XML-Schema verfügbar. Und viertens, und das ist sicher das, was der Kollege angesprochen hat, es wird auch für diesen Standard ein Zertifizierungsverfahren geben, wo sich Anbieter aber auch Anwender gegen diese Spezifikation auf unterschiedlichen Ebenen für Basis oder auch erweitert entsprechend prüfen lassen können.
MH:
Herr Zöller ich habe in einem Statement von Ihnen einmal gelesen, kommt ein Berater, den niemand rief mit einer Lösung zu einem Problem, das es vorher nicht gab. Das ist vielleicht ein bisserl Selbstironie? Was gefällt Ihnen denn an MoReq2 nicht?
BZ:
Also wir haben uns mit MoReq intensiv auseinandergesetzt. MoReq gibt’s ja schon länger, Vorläuferversion. Die neue Version 2 ist funktional nicht wesentlich umfangreicher; das besondere, neue sind die Zertifizierungsverfahren, Aber die Hauptkritik an MoReq und das geht jetzt erstmal nicht um das Zertifizierungsverfahren– ist auf gut deutsch gesagt: das ist ein veraltetes funktionales Konzept; es steht ausdrücklich in den Dokumenten drin, es geht nicht um Dokumentenmanagement, es geht nicht um Collaboration, es geht nicht um Web- Content Management, es geht um das was wir vielleicht nicht als Schriftgutverwaltung... die ISO, die DIN- Institute das DIN-Institut hat den angel-sächsischen Begriff Records Management fälschlicherweise mit dem Begriff Schriftgutverwaltung übersetzt. Eine Firma SAP, die haben einen Records Manager oder SER oder Docuware versteht Records Management ganz anders. Die einen verstehen Aktenverwaltung darunter, wo alles was sich in einer Akte befinden soll also auch lebende Dokumente, die vielleicht noch im Entstehen sind gehören in eine Akte; eine Firma Docuware versteht vielleicht Löschfristenverwaltung darunter.
Also wenn man das Dokument liest, es ist nicht so umfangreich. Es sind 250 Seiten, das ist schon ordentlich, aber das kann man sich durchlesen, dann stellt man fest, dass ist ungefähr so, wie wenn jetzt eine EU-Behörde hergeht und sagt: spezifizieren wir mal was ein Fahrzeug ist. Aber wir sind ja konkret, wir spezifizieren Fahrzeuge auf Rädern, also nicht solche die im Fluss schwimmen oder solche die fliegen und solche auf Schienen… sondern solche, auf Rädern. So konkret. Weil dieser Markt nicht so konkret transparent ist wie Fahrzeuge, klingt das jetzt sehr konkret. Das Problem ist tatsächlich nur das, was dort gefordert wird, ist zum Teil veraltet. Es wird zum Beispiel ein Datenbankmodell gefordert - und zwar strikt hierarchisch - und die Begründung der Autoren ist, diese hierarchische Ablagestruktur brauchen wir, weil in der Papieraktenverwaltung ist es best practise; ja da wollten wir ja gerade von weg und wir wollten Kompatibilität mit MoReq1 herstellen. Jetzt könnte man argumentieren und sagen: ja liebe SER dann tut doch so dann baut doch so eine elektronische Akte in dieser strikt hierarchischen Struktur. Ihr seid ja viel flexibler, Ihr könnt doch mehr, Ihr müsst das doch nur visualisieren. Das ist nicht ausreichend. Dann würde man bei einem Zertifizierer, der Wort und Text in der Punktion genau nimmt durchfallen, weil es muss nachgewiesen werden, dass eine nichthierarchische Struktur gar nicht möglich ist; es ist konkret, es gibt die Textstellen, wo bestimmte Dinge nicht erlaubt sind und da denke ich mir drei Meter zurück; wieso haben wir dann eigentlich in Europa keinen Standard für die Systeme wo noch viel mehr Aufbewahrungspflichtige Informationen liegen, z.B. unsere Finanzbuchhaltungen? Wieso haben wir keine Standards für Mail-Systeme wo auch geschäftskritische Anwendungen drin liegen? Wir haben einen Standard für Archivierung im Sinne von Records Management und ein Engländer versteht unter Records Management etwas ganz anderes als wie eine Firma Documentum oder SER oder andere Firmen oder andere; wir haben noch nicht einmal eine einheitliche Begrifflichkeit.
Man baut jetzt aber und das ist das was wir kritisieren, auf Basis dieses bürokratisch, geldverschwenderischen Monsters ein Zertifizierungsverfahren […]. Man macht etwas sehr Generisches und versucht das zu zertifizieren. Das Ding hat tausend Seiten Umfang. Herr Böhme, nur damit Sie mal eine Vorstellung davon haben was da passiert. Ich zeige Ihnen mal was tausend Seiten sind. [Björes], Herr Holmbach [offenbar sind Mitarbeiter von SER angesprochen], haben Sie Kinder? Wann haben Sie die zum letzten Mal gesehen? Wenn Sie eine MoReq-Zertifizierung anstreben [zeigt dicken gebundenen Papierstapel]: das ist MoReq2. Kein Problem, das sind die Testszenarien für MoReq2 und da gibt es auf einer Seite und es gibt viele solcher Seiten so Dinge, da wird das Thema Workflow in sechs Bullets abgefasst. Das heißt, über jeden dieser Bullets, wer immer diese MoReq-Zertifizierung plant, muss sich Gedanken machen, was meint der jetzt damit, wie bau ich das ein weil viele dieser Anforderungen die da gefordert sind, sind in den meisten Standardprodukten nicht drin, was aber der Zertifizierungsanforderung widerspricht; da steht nämlich drin: wir gehen davon aus, dass Off-the-shelf-Produkte getestet werden. Und für Off-the-shelf gibst auch einen ISO-Standard, was das bedeutet.
Also in der Zusammenfassung: MoReq ist von der Funktionalität her veraltet deckt nur einen Bruchteil dessen, was ein heutiges WCM tut, es ist ein bürokratisches Monster. Es wird große Anbieter geben, die sagen na gut, den Betrag geb ich aus, dann hab ich diesen Paper, aber dann haben Sie, dann wird es Ausschreibungen geben, die nach MoRe fragen, also dann wird jemand…also jemand braucht ein Fahrzeug, es gibt nun ein EU-[Spec] für Fahrzeuge; dann hab ich diese Fahrzeugzertifizierung. In Wirklichkeit brauch ich ein Auto, weil ich am Wochenende Pizza in Neustadt/Wied ausfahre. Und was ich dann kriege, weil ich ja eine Eu-Fahrzeugzertifizierung habe, ist ein Faun-Multikipper; ja der bewegt sich auch von a) nach b) ich kann ihn zu- und entladen, er hat auch einen Rückwärtsgang, ich habe Türen für den Fahrer. Auf dieser Ebene bewegen sich dann doch diese vielen Zertifikate und das – wenn ich mir diese Spezifikation angucke - hatte mit den normalen Anwendungen in der Unfallkasse, bei der Bank bei der Kreditakte gar nichts zu tun. Diese fachlichen Funktionalitäten werden überhaupt nicht abgefragt und deshalb weiß ich nicht, wohin das führen soll, wenn wir diesen gigantischen bürokratischen Unsinn weiter treiben und wenn wir diesen Unsinn dann auch noch zertifizieren lassen. Dagegen wehren wir uns.
MH:
Danke für Ihr Statement. Herr Kampffmeyer, ich nehme an, dass der Hintergedanke von MoReq2 nicht war dem Pizzalieferanten den Multikipper zu verkaufen.
Kff:
Nein, keineswegs. Ich greife einmal die drei Punkte nacheinander auf. Das ist einmal der Kritikpunkt „veraltet“. Der zweite Kritikpunkt ist „zu umfangreich, nicht zu schaffen“ und der dritte Kritikpunkt ist „war trotz des Umfangs nicht zielgenau“, wenn ich das richtig interpretiert habe.
Nehmen wir Punkt eins. MoReq2 wurde nicht irgendwie aus der hohlen Luft entwickelt, sondern MoReq2 wurde von Gremien in einem offenen Verfahren, wo sich jeder beteiligen konnte, entwickelt. Die Firma SER hat sich daran beteiligt. Es haben sich sehr viele Anbieter daran beteiligt, es haben sich über 150 Anwenderunternehmen aus unterschiedlichsten Branchen beteiligt. Unter der Maßgabe, so etwas zu schaffen wie „state of the art, best practise“. Best practise ist die große Überschrift. Es ist also nicht irgendetwas, was theoretisierend irgendwo aus dem Nichts aufgetaucht ist, sondern MoReq steht hier in der angloamerikanischen Tradition von Records Management - und Records Management gibt es seit 120 Jahren. Records Management ist der Bereich, der innerhalb unserer Branche am meisten spezifiziert ist, weil gerade in Bereichen, wo es um Compliance, um Nachweisfähigkeit, Vollständigkeit, Authentizität, Ordnungsmäßigkeit geht, hier natürlich ein hoher Bedarf an Sicherheit ist. Deshalb wurde MoReq2 hier in einer Weise konzipiert, dass die wesentlichen Funktionen, die man für ein Records Management braucht, ich sage hier bewusst Records Management und nicht ECM im übergreifenden Sinne, zusammengefasst wurden. Der Begriff Records Management ist außerdem nicht so vage, wie man meint. Es gibt kaum einen Bereich unserer Branche, wo konkretere Definitionen und Beschreibungen im Detail vorhanden sind.
BZ:
Was ist die deutsche Übersetzung von Records Management? Es gibt ja hunderte Fachleute.
Kff:
Die deutsche Übersetzung von Records Management nach meiner Empfehlung ist - ich würde bei Records Management bleiben.
BZ:
Darf ich eine Sache kurz erwähnen? Es gibt tatsächlich in der MoReq-Spezifikation die Erläuterung. Man erläutert diese Begrifflichkeiten. Und unter Electronic Records Management System ist ein system that manages electronic records. O-Ton aus der MoReq Spezifikation. Ah ja, das bringt uns ja überhaupt nicht weiter.
Kff:
Diese Aussage ist völlig falsch, weil MoReq2 selber nicht spezifiziert, was Records Management ist, sondern sich auf Definitionen aus der ISO 15489 dazu bezieht. Das ist einer der wesentlichen Punkte, dass MoReq hier nicht versucht das Rad neu zu erfinden, sondern sich daran orientiert, was international mehr oder weniger anerkannt ist. Damit möchte ich es beim ersten Punkt belassen und deutlich machen, das Records Management nicht das ist, was wir allgemein in Deutschland unter Dokumentenmanagement oder ECM verstehen.
Der zweite Punkt der Kritik ist etwas ambivalent bei mir angekommen. Einerseits wird gesagt, das Testmaterial ist zu dick. Das ist eine reine Seitenfrage. Da gab es auch Kritik von anderen. Aber auf der anderen Seite wird gesagt, obwohl es so dick ist, ist es nicht genau genug. Die Gründe dahinter sind einfach auf zwei Ebenen zu sehen.
Erstens: die Spezifikation der Tests setzt auf Szenarien, die möglichst automatisiert durchlaufen. Viele der Seiten, das sind einfach zwei kleine Mausklicks, die man modularisiert durchlaufen lassen kann. Das ist auch erprobt worden und ist durchaus vergleichbar mit Zertifizierungsfragen wie zum Beispiel DoD 5015.2 und, glauben sie mir, DoD 5015.2 in den USA stellt dort keiner in Frage. Auch da hat es 4-5 Jahre gedauert, bis alle gesagt haben, ja, hier habe ich erst einmal eine vernünftige Grundlage um da durchzukommen. Das heißt, wenn man vernünftig testet, nach standardisierten Testverfahren, ist das was da an Papier liegt, wirklich unwesentlich. Aber viel entscheidender ist hier, wenn man den Anspruch von MoReq2 aus der Präambel nimmt - Du kannst das sicher zitieren, wofür ist das Ganze gemacht wurde - es geht in erster Linie gar nicht darum, hier ein Zertifikat für Anbieter in den Raum zu stellen, sondern der Anspruch ist, Hilfestellungen für Anwender und Behörden zu geben. Also Unternehmen, die nicht nur öffentliche Verwaltung sind, Organisationen, die nicht nur Unternehmen, freie Wirtschaft sind; und zwar in einer Form, dass jeder das nutzen kann. Und hier liegt ganz einfach der Vorteil darin, Sie können sich das runterladen, Sie können selber entscheiden, diese Funktionalität ist für meine Lösung wichtig. Sie können das selber benutzen, um damit Ihre eigenen Tests zu organisieren. Es geht gar nicht darum, irgendwo nur ein neues Stempelchen zu holen, sondern Sie können – das haben wir bei verschiedenen Kunden gemacht – einfach die Spezifikation nehmen, bin ich hier gemessen an internationalen Ansichten was Records Management – und das ist nicht ECM – auf dem richtigen Stand, bin ich da sicher. Und ein ganz wesentlicher Aspekt hierbei ist, wir können hier nicht nur im deutschen Umfeld denken. Und da liegt eine besondere Qualität von MoReq2. Es ist etwas, was die Chance hat, in ganz Europa eingesetzt zu werden. Wo gerade Unternehmen, die international aufgestellt sind oder international tätig sind, die sich jetzt z.B. ihre Policies überlegen, ihre Verfahren überlegen, wie arbeite ich generell mit aufbewahrungspflichtigen Informationen, nach einer Richtlinie orientieren. Und wir hoffen auch, dass sich das in dieser Form durchsetzt. Ob nun dabei der komplette Kipper gefahren wird, also alle Spezifikationen aller Kapitel, oder ob Sie sich den Kernbereich des Records Managements herausgreifen - das ist eine ganz andere Frage. Denn der Unterschied von MoReq2 zu MoReq1 ist im Wesentlichen der, das hier modularisiert worden ist, dass man Zusatzmodule dazu nehmen kann, wie Case Management, wie Workflow , wie auch Web Content Management, die nicht in der gleichen Tiefe ausformuliert sind wie der Basisstandard, wo es also um die Kernfunktionalität zur Verwaltung aufbewahrungspflichtiger Informationen geht. Und wo man auch ganz klar gesagt hat, hier wollen wir nicht bis ins letzte Glied eine technologische Weiterentwicklung behindern, sondern wir verlangen hier die Basics, was ist State of the Art. Und diese Freiheit, ob Sie sich nun als Anbieter nur nach den Basis-Modulen zertifizieren lassen wollen, oder ob Sie das volle Programm nehmen und sich zertifizieren lassen nach Records Management oder ob Sie sich überhaupt zertifizieren lassen, spielt keine Rolle. Es gibt eine ganze Reihe von Projekten, die bereits auf MoReq1 entsprechend aufbauen, die sich das bereits zu Nutze gemacht haben. Das sind Standards, die bspw. im Regierungsumfeld angesiedelt sind: Russland, Slowenien – das sind natürlich nicht die großen Märkte – das sind aber auch Organisationen wie die European Space Agency, die Regierung von Luxemburg und eine ganze Reihe von Ländern setzten sich mit diesem Thema auseinander. Und so nimmt beispielsweise die Regierung Österreich MoReq2 nicht zum Anlass zu sagen, ich schaffe jetzt meinen Standard für die öffentliche Verwaltung, der auf Vorgangsbearbeitung also auf das Doing erstmal in den Prozessen ausgelegt ist, einfach ab, sondern geht jetzt bei und prüft, entspricht das, was wir hier tun, gerade im Sinne einer Kommunikation mit anderen europäischen Behörden, dem was State of the Art ist.
Darin liegt eine Chance und einfach zu sagen, dass sind zu viele Seiten oder das ist veraltet, das wird a) der Sache nicht gerecht, sondern wenn man sich schon mit diesem Thema auseinandersetzt, dann muss man das offen tun, dann muss man auch gucken, wo liegen die Chancen, wo liegt der Nutzen und nicht einfach sagen, ich hab hier einen Karton voll Papier.
BZ:
Ich kann mit keinem einzigen Punkt konform gehen; darf ich das kurz erläutern?
HB:
Das können sie sehr gerne machen; ich bitte darum.
BZ:
Die Definition was ERMS ist ein MoReq Zitat; das steht im Einleitungskapitel drin und das hilft uns nicht. DoD ist das amerikanische Verteidigungsministerium. Das ist eine Branchenanforderung, auf die andere aufspringen, weil die sagen, ich habe ähnlich strikte Vorgaben. Es gibt ja bereits einen internationalen Standard, für das was im angelsächsischen Sprachraum Records Management genannt wird. Der ist so dünn, das ISO 15489 in einem generischen, nicht sehr konkreten Teil I und einem etwas ausgeprägteren, aber viel weniger verbindlichen, Teil II. Beide Dokumente sind so dick [zeigt eine Daumenbreite zwischen Daumen und Finger]. Jetzt kann man natürlich hergehen und sagen uns in Europa - und dann mögen sich vielleicht die Australier und die Kanadier mit draufhängen - genügt das nicht, dann macht das aber für einen Europäer, also wer so global international denkt, keinen Sinn, ach blöde ISO, machen wir was auf der EU-Ebene. Wir haben so viele so genannte Standards, die sich in der Vergangenheit nie konkretisiert haben. Ich denke mit Grauen noch an die Zeiten zurück, wo in irgendwelchen Ausschreibungen drin stand: unterstützt wird DMA, ODMA, WMFC. Mit Ausnahme von WMFC und ODMA hat’s aber nie in die Produkte hineingeschafft. Es wurde aber immer gefordert. Und das ist meine Kritik an MoReq.
Das ist eine EU, also eine regionale Spezifikation. Weil Du sagst, wir dürfen mit solchen Sachen die technologische Entwicklung nicht aufhalten, ja dann muss man sich das einmal durchlesen, was da drin steht. Da ist ein strikt hierarchisches Ablagemodell gefordert. Was vorher so wunderschön vorgeführt wurde von Herrn Hartbauer: ich gehe jetzt mal in die Akte rein, Invoices, Eingangsrechung, gib mir mal die Januarakte, sortiert nach Eingangsdatum. Sie bauen es mit den so genannten Gruppen. Sie müssen nicht die Akte, Invoices als Übermenge zu einer Untermenge von Dokumentarten sowieso begreifen. Das ist ein Datenbankmodell. Wir visualisieren diese Information und wenn ich hergehe und sage, gib mir mal die Januar Mahnakte, dann ist ein Search dahinter hinterlegt, gib mir alle Mahnungen für Januar für fällige Forderungen, die älter als 90 Tage sind. Das ist jetzt die neue Januar-Akte ‚Mahnungen’, wie auch immer. Wir arbeiten mit Datenbanken und nicht mehr in einer hierarchischen, physikalisch vorgegebenen Struktur. Das ist aber genau, was MoReq fordert. Also mein Kritikpunkt ist der, den Du sogar forderst. Wir dürfen die technologische Weiterentwicklung nicht bremsen. In dieser Version ist er ausgebremst auf dem Status der 70iger Jahren. Hängeregister mit Unterregister. Es geht mir nicht um das Dicke. Das Dicke visualisiert nur. Die kleineren Anbieter müssen das doch durcharbeiten. Die müssen diese Dinge durcharbeiten und verstehen, dann müssen sie sie in ihre Produkte umsetzen. Die meisten Produkte, die ich kenne, haben diese Funktionalität nicht im Standard. Jetzt muss also eine SER, eine ELO, wer auch immer, hergehen und sagen, was mache ich jetzt. Wie viele Leute ziehe ich jetzt ab, die diese Dinge bauen? Und ich kann nur hoffen, dass der russische Zertifizierer, das Thema, was eine Akte ist oder ein sogenanntes Volume oder eine Component oder ein File, ein File ist nämlich keine Datei, sondern eine Akte und Sub-Files sind Aktenregister - das muss alles erst verstanden und übersetzt werden. Wenn der das nicht so versteht, wie irgendjemand, der das anders formuliert hat, dann hab ich ein Problem.
Kff:
Drei Argumente dagegen.
MH:
Ich will jetzt nicht unmittelbar, aber doch demnächst stoppen, damit auch die beiden anderen Themen behandelt werden können.
Kff:
Gestatten Sie vielleicht drei ganz kurze Sätze, um die wesentlichen Kritikpunkte aufzugreifen. Natürlich geht eine Verwaltung von bestimmten Strukturen aus, aber hier ist dringend zu trennen zwischen dem, was intern im System an Struktur passiert, und dem was an der Oberfläche visualisiert ist. Das ist was ganz anderes. Und das natürlich bei einem Test dieses Grundprinzip nachgewiesen werden muss, um das Ja-Häkchen zu bekommen, das ist die eine Seite. Das Zweite, die Kritik mit den Standards. Hier wird immer gern sehr viel Unterschiedliches in einen Topf geworfen. Wenn man sich die Prinzipien von DMA, ODMA oder WMFC anguckt, was hier gerade genannt wurde, a) ganz andere Gebiete, b) ganz anderer Gremien, ganz andere Wirkung. Und die Frage ist, wer setzt sich wann damit auseinander; das kann ich auch ganz einfach beantworten: Nämlich erst dann wenn eine bestimmte Anzahl von Kundenanforderungen auf dem Tisch liegt, die sagen, ja, das ist für mich interessant. Und da wird es Unternehmen geben, auch kleinere, die nach eigener Einschätzung etwa 95% dessen, was da drin steht, schon abdecken, weil sie in England oder Norwegen sich ähnlichen Verfahren unterziehen mussten, die werden sagen, ja wenn es da in England weitergeht oder wenn ich da in Norwegen einen Pott gewinnen will, dann werde ich es machen, und dann wird man auch ein Standardprodukt machen. Es wird nicht jeder Anbieter machen und es ist auch nicht für jeden das, was jeder braucht.
BZ:
Ja, aber das ist doch die Gefahr…
Kff:
Gefahren gibt es immer…
BZ:
… besteht aber doch darin, dass es Anbieter gibt, die dafür bezahlen, weil sie das Geld haben oder in den Markt reinwollen und die, die einseitig daran interessiert sind werden sagen, seid Ihr MoReq-zertifiziert? Tolles Bewertungskriterium. Wehe einer sagt: nein. Dann ist der außen vor. So einfach kann man es sich machen. Und dann kriegt der den Faun Multikipper, weil der ist ja MoReq-zertifiziert.
MH:
Ich denke jetzt wird deutlich, warum der Titel dieser Veranstaltung ECM kontrovers heißt. Und dass die beiden darüber noch vortrefflich eine weitere Stunde darüber sprechen könnten. Ich habe aber mitgenommen, dass die konkrete MoReq-Spezifikation versucht, einen europäischen Fokus mit hineinzunehmen; das bringt uns aber sofort zum nächsten Thema. Sie, Herr Kampffmeyer haben es gesagt: es gibt immer mehr Firmen, die in ganz Europa tätig sind, die vielleicht fusionieren, hier also Konsolidierungen unterliegen. Das betrifft nicht nur die Kunden, sondern auch die Anbieter.
Ich denke das bringt uns gleich zum nächsten Thema, nämlich die Dynamik, Unübersichtlichkeit, vielleicht auch Übersichtlichkeit des Marktes. Bleiben am Ende der Konsolidierung nur noch ein paar Große übrig? steht als Frage im Raum. Und Herr Zöller, dem ich hierzu als erstem das Wort erteilen möchte, sagt hierzu, die Marktkonsolidierung höre man seit zehn Jahren, die Faktenlage sei aber genau umgekehrt, in Deutschland allein gibt es sechzig Hersteller im Bereich ECM, viele kleine wachsen zunehmend schneller als die großen. Herr Zöller, was ist jetzt mit FileNet, die ja viel zusammen gekauft haben, im Vergleich zu lokalen Anbietern. Wo sehen Sie hier die Vorteile?
BZ:
Ehrlich gesagt, da muss man kein Guru sein, da schaut man sich auf dem Markt um und zählt mal die Firmen zusammen. Und wir sind ja im VOI, das ist ja der Verband den Uli gegründet hat, und da kann man mal alle durchzählen. Das macht man dann in Form einer Studie und das Ding wiegt zwei Kilo [hält die Studie hoch]. Das ist nicht deshalb, weil wir sehr schweres Papier genommen haben oder jeden Buchstaben auf einer Seite untergebracht haben, hier gibt es, und wir sind nicht vollständig, hier gibt es 53 DMS-Produkte. Hier reden wir nicht über Web Content Management oder reine Collaboration Produkte, sondern Lösungen, die Dokumente verwalten mit einer kommerziellen Lösung. Das bedeutet im Kern, diese Systeme haben in der Regel, aber nicht immer, archivische Funktionen, da würde ich sagen, das sind valide Player am Markt. Es sind eben nicht die von den […]. Das hören wir immer wieder: der Markt konsolidiert sich, es bleiben drei große übrig; das ist wie bei Datenbanken, das sagt der Lee Robert von FileNet, da gibt es noch Oracle, SQL-Server und DB2 und sonst gibt es nichts mehr. Ja, ja, aber das ist ein ganz anderer Markt. Weil sie als kleines Unternehmen mit fünf Benutzern können sich einen SQL Server kaufen. Es gibt da draußen die großen Player am Markt, die haben aber zum Teil Größenordnungen, Preise,…wir witzeln ja immer, aber Übertreibung macht anschaulich: ist das die Artikelnummer – nein das ist der Preis für die Serversoftware. Und dann kommen noch all die anderen Komponenten dazu. Das ist ja wie im ERP-Markt. Da dominiert auch SAP.
Mal eine Frage in die Runde, wie hoch schätzen Sie den Marktanteil von SAP im ERP Umfeld? 10, 50, 75, 90 Prozent? Was schätzen sie? Weltweit 9,8 irgendwas, ca. 10% hat die IDG ermittelt. Das heißt, es nicht immer so, dass die großen, die so sichtbar sind, die auch das Marketing dominieren können. Dass die, wenn man die Körnchen zusammen zählt, den überwiegenden Teil bilden. Und das ist auch im DMS-Markt so, weil sich viele kleinere und mittelständische Anwender so was wie ne ERP Lösung von Oracle oder SAP nicht leisten können oder wollen. Da gibt es [Infora] und Navision und wie sie alle heißen. Und derzeit ist das auch so in diesem Markt, dass es sehr, sehr viele kleine Firmen gibt, und wenn man sich umschaut, die Top 500 der Unternehmen, die großen Versicherungen, die großen Banken, die haben vielleicht schon irgendwo einen Standard für ihre Archive. für ihre DMS Lösungen. Da ist kein großer Neubeschaffungswert für die Anbieter. Wer sich derzeit befasst mit solchen Lösungen, sind diejenigen, die sich vor fünf Jahren keine 24’Bildschirme leisten konnten, keine 2 Terabyte Speicher, kleine mittelständische Unternehmen. Unsere Wahrnehmung, weil wir ja über die Jahre die Umsätze der Anbieter verfolgen, das sind die die im Moment die mittelständischen Projekte bedienen können, die zweistellige Zuwachsraten im Softwarelizenzgeschäft bedienen. Und deswegen: der Markt ist nicht auf drei zusammengeschnurrt. Es werden tendenziell nicht weniger, vielleicht sogar mehr, und die Hälfte, die nicht die großen, globalen drei oder vier sind, die wachsen derzeit sogar schneller als die anderen, und das ist für mich das Gegenteil von Konsolidierung. Wir haben es mit einer Vielfalt zu tun. Wir mögen das vielleicht nicht so als angenehm empfinden, weil es auch die Auswahl verwirrend macht, aber das ist einfach die Faktenlage und keine Interpretation oder Ansichtssache. Das ist einfach ‚durchzählen’.
MH:
Herr Kampffmeyer, in Ihrem letzten PROJECT CONSULT Newsletter haben Sie als einen von 20 aktuellen Trends zur DMS EXPO die Herstellung und Produktkonsolidierung im Sinne einer Marktkonzentration angeführt. Die sind noch nicht so [weit], d.h. sie sollten alles gleichwertig wahrgenommen werden. Wie ist es denn nun bei der Produktkonsolidierung? Was meinen Sie, wird übrigbleiben? Das IBM-Portfolio oder FileNet?
Kff:
Ich fange mal vorne an. Lateinisch: consolido – ich mache fest, ich vereinige, ich führe zusammen. Wenn man über Konsolidierung spricht, muss man sich sehr genau über die Definition einigen, worauf sie sich bezieht. Wir haben hier unterschiedliche Aspekte. Wir haben hier betriebswirtschaftlich gesehen vom Markt her Effekte, die in jedem Markt passieren, wenn der Markt interessant wird, wenn er groß wird, wenn er wichtig wird, steigen große Anbieter ein, die vorher nicht drin waren – das ist bei Waschmitteln so und das ist bei Software so. Wir haben Produktkonsolidierung. Ein ganz anderes Thema. Produktkonsolidierung kann sehr unterschiedliche Ursachen haben. Es kann eine Folge sein, dass eben Unternehmen andere Unternehmen aufkaufen und entsprechend dann natürlich auch Produkte zusammenführen.
Da zielte Ihre Frage hin, Herr Hartbauer, nach dem Motto, was wird überleben? FileNet P8, IBM CM8, Lotus Components oder was auch immer? Die Frage ist relativ einfach zu beantworten – ich war auch gerade bei der Verabschiedung von Lee Roberts, der gerade eben zitiert wurde, der sich gerade aufs Altenteil begeben hat. Diese Linien werden noch eine Weile weitergeführt und münden in eine neue. Und irgendwann über die Zeit wird einmal der Code, wenn wir das Produkt einmal als Code bezeichnen, sowieso einmal wechseln. Ich habe da ein sehr schönes Bild von meinem Kollegen Bernhard, wo er dargestellt hat, an einer großen Wolke, wie IBM, wie FileNet sich Unternehmen dazu gekauft hat. Glaubst Du ehrlich, dass noch irgendwo ein Stückchen Saros Software, oder Watermark, oder Truearc oder Greenbar, als eigenes Modul mit dem Code, noch drin ist?
BZ:
Die sind ja schon längst weg.
Kff:
Die sind längst weg. Auch da hieß es, da adressiere ich den Markt mit…
BZ:
[...]
Kff:
Ich würde gerne kurz ausreden, damit ich meinen Bogen zusammen bekomme. Das heißt, Produktkonsolidierung hat unterschiedliche Ursachen. Aufkäufe, aber auch Weiterentwicklungen. Gerade wenn wir heute über moderne Architektur wie SOA nachdenken, wo kein Stein auf dem anderen bleibt, wo vielleicht noch das Know-how von den übernommenen Firmen irgendwo drin ist, erleben wir, dass Produkte sich wandeln. Es werden vielleicht noch Namen behalten, aber im Untergrund ist von der Codeseite oder von dem was man als Produkt kennengelernt hat, schon nichts mehr drin. Aber die Bemerkung meines Kollegen zielte ja auf dieses Thema Marktkonsolidierung, eine spezielle Ausprägung der Konsolidierung, die ich keinesfalls damit beantworten möchte, dass nur drei überleben. Aus verschiedenen Gründen. Erstens: die drei, die im Moment oben stehen, verfolgen andere Strategien. Auch wenn beispielsweise Gartner, Forrester, IDG diese drei zusammen heute vielleicht 40% des Enterprise-Marktes für Enterprise Content Management entsprechend für sich beanspruchen. Dennoch machen die unterschiedliche Dinge. Das ist immer die Gefahr hier Äpfel mit Birnen hier in einen Topf zu werfen. EMC fährt eine ganz andere Strategie als IBM. Open Text zum Beispiel als reine Software Company wird bestimmte Dinge gar nicht liefern und leisten können, die die anderen machen. Und wenn man dann die neuen Großen nimmt, die in diesen Markt einsteigen, verfolgen die auch andere Strategien. Wie zum Beispiel eine Microsoft, die ECM eher als Garnitüre rund um ihren Sharepoint sieht, damit der beschützt wird, weil der nicht die Funktionalität hat in der jetzigen Version, die wir eigentlich brauchen. Oder nehmen wir eine HP, die aus opportunistischen Gründen sich in bestimmte Märkte einkauft, mit Records Management Produkten – übrigens ziemlich nah am MoReq2 Standard. Oder nehmen Sie eine Cisco, die jetzt im Bereich der Archivierung und Kollaboration entsprechend einsteigt. Die Großen haben alle unterschiedliche Strategien, die kundengetrieben sind, nach dem Motto: mein Kunde hat einen Bedarf, den möchte ich standardmäßig mitbedienen.
Das ist die eine Entwicklung. Die zweite Entwicklung, die direkt damit zusammenhängt, ist natürlich die Frage, wer kauft wen überhaupt aus welchen Gründen. Auch das sind unterschiedliche Gründe. Es gibt Konsolidierungen weil man sein Portfolio erweitern will. Nehmen wir den jüngsten Aufkauf, der gerade stattfindet: Opentext kauft Captaris. Die Hälfte des Portfolio, das Captaris hat, überlappt sich mit dem, was Open Text hat. Das wird den gleichen Weg nehmen wie Gauss, Obtree … nämlich in der Versenkung verschwinden. Und das Herzstück, die Erfassungslösung, was noch fehlte, wird vorne drangeklebt. Es überlebt, aber auch nicht in einer Form wie das jetzige Produkt. Nehmen Sie andere Unternehmen, die kaufen andere Firmen auf, um Marktanteile zu übernehmen. Ganz typischer Fall war eben die IBM mit FileNet. Die hatten die Faxen dicke gegen FileNet immer zu verlieren. Die haben sich gefragt, was kann ich gebrauchen: Workflow, BPM, ist super. Aber bei den Repositories, da fahren wir erst einmal ein Strategie, dass wir eine Middleware einziehen, die beide Repositories nutzen kann, die auch noch, wenn es sein muss, das SER Repository nutzen kann. Sie sehen, vollkommen unterschiedliche Ansätze, warum Firmen etwas kaufen.
Und wenn wir uns jetzt den Markt noch unter zwei weiteren Gesichtspunkten ansehen, nämlich das Aufkommen von Open Source und Freeware, wo man zum selber Basteln sich sozusagen Archivsysteme, Dokumentenmanagementsysteme zusammenschrauben kann, oder wenn Sie das zunehmende Angebot des Software-as-a-Service nehmen, wo eben nicht mehr eine eigene Installation im Hause gemacht werden muss, sondern wo ich diese Dienste von draußen nutzen kann, sei es im Archivbereich, durch Anbieter, die dort vorher noch nie zu sehen waren, wie eine Iron Mountain, eine Rhenus, also Boxenschieber, oder nehmen Sie eine Google mit der elektronischen Patientenakte, eHealth genannt - können Sie auf der Google Website ausprobieren. Oder nehmen Sie Projektmanagementsoftware, mit denen sie virtuell Teams organisieren, wo unten drunter Dokumentenmanagement liegt. Das heißt, der Markt verteilt sich sehr stark und das Wachstum verteilt sich damit auch. Einerseits verteilt er sich auf mehr Spieler als in der Vergangenheit, das fällt im Moment nicht so auf, weil der Markt generell wächst, nur er verteilt sich auf unterschiedliche Spieler und die Fazetten von ECM sind wesentlich größer geworden. Vor zehn Jahren haben wir doch nur über Imagiging-Archivierung, ein bisschen Check-in, Check-out, Versionierung etc. gesprochen. Dann kam so etwas wie Workflow dazu. Heute ist ECM ein solcher Bauchladen [öffnet die Arme weit] – wenn man das alles noch hinzu nimmt, was an Randbereichen noch mit hinein fällt, von Digital Asset Management, Output Management, alles was jetzt in Web2.0 passiert, dann wird automatisch der Markt breiter und das Spektrum der Anbieter. Nur man muss sehr genau aufpassen, was sind das für Anbieter? Sind es Generalisten, die versuchen mit großen Produktshows den Markt mit diesem Akronym zu überziehen, obwohl sie es nicht erfüllen, wie die Microsoft-Werbung? Oder sind es Spezialisten, die gesagt haben, ich spezialisiere mich auf bestimmte Dienste, die andere nur noch nutzen, sei es ein Konverter für PDF/A oder ein Subsystem für Capture, die nur ein Teil abdecken. Wieder andere sagen, ich lasse mich gar nicht auf diesen Technologie-Wettbewerb ein. Ich fokussiere mich auf bestimmte Ready-to-use Branchenlösungen, fahre gar nicht mehr diesen Technikansatz, benutze auch gar nicht mehr die technologisch geprägten Begriffe, sondern setze auf Lösungen. Und aus diesen Gründen muss man definieren, was ist Konsolidierung, worüber rede ich. Und dann erübrigt sich die Frage, ob nur drei übrig bleiben, wird’s nämlich nicht, das wird noch ne ganze Weile dauern, bis wir unsere ganzen Informationen irgendwo im Internet wieder finden.
MH:
Vielen Dank für dieses Statement. Als Analysten haben Sie ja beide einen Überblick über den Markt und Ihre Studien drücken das aus. Wie ist es denn, wenn sie die Kappe wechseln und in die Rolle des Beraters der Branche, der Sie ja auch angehören. Wie ist das jetzt für einen Mittelständler, um dem Ganzen auch einmal einen lokalen Fokus zu geben? Soll sich ein Mittelständler sich jetzt einen Anbieter einer ECM-Lösung auf Augenhöhe suchen oder soll er sich in den sicheren Hafen, vermeintlich sicheren Hafens eines internationalen Anbieters begeben, bei dem er dann doch nur ein c- oder d-Kunde ist und entsprechende Entscheidungen in Amerika getroffen werden und nicht hier vor Ort. Wie ist Ihre Meinung?
BZ:
Der große Name schützt ja nicht. Wir haben so eine kleine Sterbetafel von Firmen, die es nicht mehr gibt. Und das sind alles prominente Namen…
Kff:
Konsolidierung…
BZ:
Ja, aber das findet ja nicht statt. Ich kann nicht hergehen und sagen: rot, rot, rot, ich definiere rot jetzt neu. Konsolidierung heißt […], welche lateinische, griechische, ägyptische, welche Sprache dahinter steckt, ist doch piepegal; was verstehen wir unter Konsolidierung! Der Punkt, warum mir das so am Herzen liegt, ist der, dass eben aus den Quellen, die wir alle kennen, vor gar nicht langer Zeit gesagt wurde: lieber mittelständische Anwender, geh auf die sichere Seite, es gibt nur drei oder vier, die überleben – das ist wie bei den Datenbanken. Und dagegen wehre ich mich vehement. Das würde nämlich bedeuten, dass ein mittelständischer Anwender oder eine Abteilung eines großen Konzerns mit nur mittelständischem Budget, dass die sich bei den Großen bedienen müssen. Das können die wieder preislich nicht. Das können die auch architektonisch nicht nach unten skalierbar. Das geht einfach nicht. Und deswegen gibt es eine absolut Existenzberechtigung für Hersteller, dass müssen keine mittelständischen und das können auch internationale sein, die mittelständische Märkte bedienen. Und deshalb glaube ich, der mittelständische Anwender, der sollte seien Anforderungen identifizieren und sich auf dem sehr dichten Markt in Deutschland, es gibt genügend Veranstaltungen, wo man sich informieren kann, wer seine evt. sogar vertikale Lösungen verfügbar hat. Und lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen, von wegen, wer klein ist oder wer nicht dreistellige Millionenumsätze macht, ist nicht überlebensfähig. Unter dieser populistischen These wurde das ja die ganzen Jahre immer weiter getrieben. Da gibt es Beraterkollegen, die haben sich auf der DMS Expo hingestellt und gesagt, das übernimmt alles Microsoft. Die DMS kann einpacken. Das hör ich von Jahr zu Jahr.
Ich bin jetzt seit 25 Jahren in der Branche. Das ist wie so ein Tantra: Ohm… wieder und wieder, dann denke ich: lernen denn die Leute nicht dazu? Es ist nicht damit getan, einfach den Willen zu haben, irgendetwas mit ECM zu etikettieren. Da gehört sehr, sehr viel mehr dazu. Und wenn Sie in die heutigen Produkte hineinschauen, Sie haben ja hier Gelegenheit bei DOXIS, da würde ich manchem großen internationalen Hersteller nur wünschen, dass so ein großer Hersteller mal an einen Stuhl gebunden wird und kriegt die Augen aufgeklebt, und dann muss er mal gucken, was da an Funktionalität drin ist. Ich hab gerade heute bei einem internationalen Hersteller ein Gespräch gehabt und ihnen gesagt, was Ihre Funktionalität nicht kann. Das war denen komplett unbewusst. Ja, wir haben da einen starken Server, wir haben keinen Client, ja, genau. Das ist ein Werkzeugkasten, den brauch ich auch. Aber der mittelständische Anwender, der braucht das nicht. Und deshalb sollte auch bei den kleinen mittelständischen Herstellern in seiner Region, in seiner Branche, mit seiner Funktionalität gucken und eventuell soll er auch einmal gucken, wie der sich in den letzten Jahren umsatz-, ertragsmäßig entwickelt hat um einschätzen zu können, ist der überlebensfähig, weil, wer garantiert uns denn, dass die großen, der IBM Content Manager oder OnDemand, dieses alte Schlachtschiff, dass die nicht aus dem Verkehr gezogen werden? Das garantiert uns ja auch niemand. Es nutzt uns nicht, wenn IBM weiter überlebt, wenn die Produktlinie nicht überlebt. Dieses Risiko ist in der IT bei all diesen Linien immer gegeben und Größe schützt nicht vorm Steckerziehen.
Kff:
Spricht alles für eine bestimmte Interpretierung des Begriffs Konsolidierung. Aber ich möchte die vier Finger [Finger als Merker benutzt] aufgreifen, die ich mir hier gemerkt habe. Ich hatte eingangs ja gesagt, man muss sehr genau aufpassen, was verstehe ich - ohne hier hin und her zu lavieren - was verstehe ich unter Konsolidierung. Und Ihre eigentliche Frage, Herr Hartbauer, war ja die, mit Zielrichtung auf das Publikum, wie stellt sich eine SER in diesem internationalen Wettbewerb dar? Das Argument von Bernhard kann ich unterstützen, Größe schützt nicht davor, dass man aufgekauft wird. Es schützt aber auch nicht davor, dass die Produkte wegfallen oder im Sinne der Produktkonsolidierung konsolidiert werden. Man muss aber auch hier eines sehen: letztlich entscheiden Anwender nicht auf Grund des großen Namens. Das ist höchstens, wenn es ein dicker Konzern ist oder eine IT-Abteilung, die sagt, wir machen immer nur IBM, dann vielleicht. Es gibt immer noch ein Regulativ, das nicht zu unterschätzen ist, das ist der Preis. Sehr viele gucken, passt das für mich? Ist der Preis OK? Und ist vor allem das Preis-Leistungs-Verhältnis OK? Da gibt es so zwei, drei Parameter, woran man das festmachen kann. Es fiel hier eben das Argument des Baukastens. Viele Anbieter gehen raus und sagen ganz bewusst, ich biet einen Baukasten an, weil ich ein Vertriebssystem habe, das basiert auf Integratoren, die dann die Branchenlösungen oder die individuellen Lösungen beim Kunden machen. Das ist ein Konzept, was in unserer Branche weit verbreitet ist. Andere sagen, das ist mir zu unsicher, ich will das Know-how selber halten, ich hab auch selbst die Kraft, meine Lösungen überall auf den Markt zu bringen, ich mache nach Möglichkeit alles selbst. Das ist das was Herr Sikora und Herr Freisberg [Geschäftsführung SER] hier mit der SER machen. Zwischen diesen Konzepten liegen, was die Lösungen angeht, unter Umständen Welten. Welten im Preis, aber auch Welten, was für eine Lösung das ist. Und da kann ich nur eins feststellen, Mittelständler schauen sehr darauf, diesen Begriff der Augenhöhe, nach dem Motto, ist das ein Unternehmen, mit dem ich reden kann, das mich ernst nimmt, das mich vielleicht versteht. Das mich insbesondere dadurch versteht, dass vergleichbare Lösungen bereits schon für drei, vier, zehn andere Unternehmen meiner Branche gemacht worden sind. Dann kann ich a) davon ausgehen, dass die Firma das Know-how hat, was ich eigentlich will und zweitens: die haben das schon so oft gemacht, dass die nicht jeden individuellen Schlenker neu erfinden müssen, so dass ich hier vielleicht eine Standardbranchenlösung habe. Das ist was die ganz großen nicht wollen oder nicht können, weil sie andere Märkte mit anderen Strategien bedienen. Was wir in unseren Großkundenprojekten zur Zeit sehen, ist so ein Trend, auch Konsolidierung intern zu machen, nämlich den Wirrwarr der letzten Jahrzehnte, wo jede Fachabteilung sich hier einmal etwas gekauft hat oder dort mal etwas gekauft hat, auf eine einheitliche Informationsinfrastruktur zu bringen. Da kommen auch solche Entscheidungen, dass man sagt, ja, ich hatte vorher zehn Unternehmen, die mir irgend etwas geliefert haben, ich möchte zukünftig nur noch drei haben. Das heißt auch nicht, dass die gleich abgelöst werden, gerade wenn es um Archivierung geht, geht’s eher ums Thema Ausalterung, aber da ist ein strategisches Ziel dahinter, ich möchte irgendwann Betrieb, Nutzung und Integration einfacher gestalten.
Wiederum andere sagen, wozu brauche ich den ganzen Umfang. Nehme ich doch mein SAP, das steht links, rechts steht meinetwegen meine Microsoft- oder meine IBM-Palette, und irgendwo dazwischen wird noch ein bisschen ECM eingeklemmt. Auch hierfür gibt es Produkte, die sich genau darauf spezialisieren, in diese Lücke zu gehen. Das heißt, ich nutze eigentlich die Unzulänglichkeit von Standardsoftware aus, um Produkte zu machen.
Und dann gibt es eben diejenigen, die sagen ich setze auf Kundennähe. Ich möchte guten Service leisten; ich definiere mich nicht über diese Featuritis, wie viel Kreuzchen, wie viel Häkchen habe ich im Kriterienkatalog. Ich differenziere mich darin, dass ich einen guten Service mache. Und auch dafür gibt es Quellen. Beispielsweise nehmen Sie Benchpark ECM, das ist ein Empfehlungsportal, wo Sie als Anwender Produkte bewerten können. Und da sehen Sie hinterher, wer gut abschneidet und Sie sehen auch, warum. Und das ist nicht, dass die drei Funktionsknöpfchen vielleicht beim Großen fehlen, die hat er schnell nachprogrammiert oder nachgerüstet. Sondern entscheidend ist, wer hat die Lösungskompetenz hier kurzfristig ohne Erfindung des Rades, eingepasst in eine Infrastruktur, die schon da ist, denn keiner hat grüne Wiese, vernünftige Lösungen an den Markt zu bringen. Und da gewinnen Kleine, Mittlere wie auch manchmal Große.
MB:
Vielen Dank für dieses Statement. Ich denke dass wir im zweiten Themenblock noch mehr Übereinstimmungen feststellen konnten, als zumindest beim ersten […]
Kff:
Das war aber so absehbar. Ich habe gerade in der wissenschaftlichen Literatur nachgesehen, wo und wie Konsolidierung benutzt wird. Kannst Du [an ZB gerichtet] nachlesen, schicke ich rüber und dann kannst Du Dir aussuchen, wie Du ihn verwendest.
BZ:
Ich bleib beim normalen Sprachgebrauch; das hilft manchmal ein bisschen weiter.
HB:
Ist ja auch gut, dass sich die Berater untereinander verstehen. Wie ist es denn, wir haben noch zwei Punkte. Ich möchte eine Runde am Ende machen mit einem Resümee und einen dritten Diskussionspunkt noch aufwerfen, wo ich Sie jeweils um ein Statement bitten würde. Das Thema lautet hier ECM als Bestandteil der Betriebssysteme. Gibt’s denn in Zukunft noch eine Daseinsberechtigung für ECM-Anwendungen, Applikationen? Und Herr Kampffmeyer hat vor kurzem veröffentlich, dass ECM sich im heutigen Spannungsfeld befindet zwischen Warenwirtschaftssystemen, Sharepoint und auch Betriebssystemen und Fachanwendungen; dass der Enduser ja eigentlich nur drei Knöpfe haben will und nicht mehr Funktionen braucht. Wenn ich mir das Ganze jetzt überlege, umgesetzt auf Office-Applikationen, würden sie denken, dass wir in Zukunft unsere Briefe nicht mehr in Word schreiben sondern in einer Portalseite?
Kff:
Drei kurze Argumente, um ihre letzte Pointe aufzugreifen. Ziel in Großunternehmen ist es z.B. keine individuellen Briefe mehr zu schreiben. Sondern möglichst vorgefertigte, von der Rechtsabteilung abgesegnete Dinger zu benutzen, um den Kunden schnell und einheitlich zu bedienen. Aber das nur als Einstieg. Dieses vermeintliche Zitat: Dokumentenmanagement im Betriebssystem, verfolgt mich seit 1994. Da habe ich das nämlich gesagt, auf einem IMC Kongress in Cannes. Es war ein englisches Zitat. Es bezog sich auf Document Management im engeren Sinne, wie es in Amerika benutzt worden ist. Nicht auf ECM. Das gab es damals noch gar nicht. Und es bezog sich darauf, wenn man mal die Sprachform nimmt, dass es einmal in Zukunft sein wird. Was ist der Hintergedanke? Wir alle wissen, die Handhabung von Informationen ist essentiell für unser Unternehmen. Und es ist eigentlich eine Unmöglichkeit, dass wir immer noch mit Standardsoftware einsetzen, die vom Design her, was die Verwaltung von Informationen angeht, so auf der Ebene von CPM ist: Acht Zeichen, Punkt, und dann drei Zeichen hinterher, d.h. Standardsoftware hat sich drum gekümmert, Anwenderfunktionalität immer besser an den Mann zu bringen und über die langfristige und sichere Verwaltung von Informationen haben die sich nie gekümmert.
Zweites Argument: warum gehört ein bestimmter Umfang von dieser Funktionalität auf die Ebene von Betriebssystemen oder zukünftigen Umgebungen im Webumfeld; wenn sie auf einer Website was speichern, dann sehen Sie ja kein Betriebssystem mehr. Das funktioniert ja jetzt schon ganz anders. Warum gehören die Funktionen dahin? Weil bestimmte Funktionalität, wie ein Archiv, wie Konverter, genauso eine Rolle haben müssen in einer Standardumgebung wie ein Druckertreiber. Genauso wie Sie etwas ausdrucken wollen oder Sie etwas versenden wollen, wollen sie doch auch die Sicherheit haben, entsprechend sicher alle Informationen an einem Ort abzulegen. Und gerade unter dem Gesichtspunkt Durchgängigkeit, Compliance, kann das nicht eine isolierte Funktion in einer IT-Umgebung sein, sondern die muss eigentlich allen Anwendungen einheitlich zur Verfügung stehen. Das darf nicht nur beschränkt sein auf Dokumentenmanagement. Eine ERP-Software, eine Produktionssteuerung, auch die haben Informationen, die irgendwo sicher, an möglichst einer Stelle übergreifend nutzbar gespeichert werden. Das steckt dahinter. Das heißt auch, bestimmte Funktionalität ist heute schon Commodity. Früher haben Sie fünftausend Dollar bezahlt, nur um einen halbwegs komfortablen Imaging-Viewer von der Firma FileNet zu kaufen; da haben sie sogar noch Hardware für gebraucht. Heute kriegen Sie es mitgeliefert. Und so wird auch immer mehr Standardfunktionalität, die jeder braucht, mitgeliefert werden. Heute arbeiten nach einer amerikanischen Studie vielleicht 4 - 5% aller Anwender überhaupt erst mit dem, was wir DMS oder ECM nennen. Das heißt, die richtig große Herausforderung, das wirklich jeder diese Funktionalität nutzen kann, die steht uns noch bevor. Da hoffen ja auch die Anbieter drauf, dass der Markt richtig schön groß ist. Und deshalb ist meine These hier: bestimmte Funktionalität, und ich rede hier nicht von Anwendungen und ich rede hier auch nicht von gesamtem ECM, sondern wie ich das damals gesagt habe, gehört auf eine Ebene, wo das im Rahmen einer SOA oder eines Betriebssystems, sei es eines Web-OS, wo ich keine herkömmlichen Betriebssysteme mehr habe, da gehört das rein, damit jede Anwendung das nutzen kann.
HB:
Danke für diese Statement. Den unternehmensweiten Fokus oder die Commodity, wie Sie es genannt haben […]
BZ:
[…] sieht Office 2007 [trendig] aus und hat vielleicht ein Vista-Look und hat transparente Fenster – das sieht Klasse aus, genau das hätte ich gerne. Wow, und dann geht es los. Nee, wir haben hier eine Wiedervorlage auf Akte, wollten wir haben, und eine Dezimalversionierung, etc. - ja, das haben wir noch nicht drin. Ich glaube, es sind ja auch eine ganze Reihe von SER Kunden da, Sie können davon ausgehen, nehme ich auch an, Sie kriegen nicht weniger als vorher, sonder mehr, aber für einen unbeteiligten Dritten, der sich das jetzt anguckt, sieht das erstmal schick aus. Mehr kann der nicht in diesen Dingen sehen. Für mich ist noch mal wichtig, das Thema mit den Betriebssystemen. Ich glaube, da haben wir jetzt Konsens. Der Punkt ist nur der, dadurch, da Du in der Branche relativ bekannt bist, und da musst Du Dir sagen, die Geister die ich rief wird, die werd ich nicht mehr los. Wenn ich heute recherchieren kann, wir sagen ja Dokumentenmanagement und ECM ist nicht Bestandteil der Betriebssysteme, sondern der Spruch war immer Dokumentenmanagement wird Bestandteil des Betriebssystems.
Kff:
Document Management.
BZ:
Doch, mach mal ne Volltextsuche auf Deinen eigenen Newslettern. Dann findest Du genau 99 Fundstellen zu dieser Aussage: Der Markt ändert sich. Und die eigenen Aussagen ändern sich. Aber im Jahre 2008, Ende August, habe ich von einem Deiner Marktbegleiter genau diesen Spruch gehört. Ihr könntet wenigstens mal ein bisschen dazu lernen, weil, das muss man schon differenzierter betrachten. Denn diese Dinge, das schwirrt draußen rum wie im Orbit, im Betriebssystem, habe ich das alles, das kommt alles von Microsoft. Nein, das ist nicht so. Ein Betriebssystem hat kein Aktenmodell, revisionssichere Verwaltung, keine Mail-Archivierung, keine Postkorb-, Workflow-Funktionen, Diese Dinge sind nicht da. Und eine 30-minütige Demo zeigt dem Kunden, wie so etwas aussehen könnte, und die Architekturslides zeigen, wo man so etwas einpassen könnte, aber dann muss man sich mit den eigenen Anwendungsdetails beschäftigen, um festzustellen, genügt mir das? Aber aus der Tüte eines Betriebssystemsherstellers oder Datenbankherstellers krieg ich so etwas nicht. Hab ich noch nicht gesehen.
Kff:
Drei Argumente dagegen. Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Erstens: vielen Dank für den Werbeblock. Wir stellen alle unsere Informationen voll recherchierbar in fünf Sprachen ins Internet und da findet man auch so etwas. Das zweite ist: von drei Metern Entfernung, wenn Sie über die DMS Expo gehen, sieht jede Software gleich aus. Da kann man nicht nur nach der Oberfläche gehen, will ich damit sagen. Denn entscheidend ist, gerade in Zukunft, wenn wir über neue Bussysteme, wenn wir über SOA wirklich ernsthaft reden, dann spielt die Musik, was die Verarbeitung angeht, auf einer ganz anderen Ebene als die dazwischen liegenden Applikationen oder der Client, bei dem ich das alles nutze, weil es heute eigentlich vollkommen egal sein muss, ob ich mit einem PDA ob ich mit einem Mac, ob ich mit einem Web-Browser, ob ich mit einem Fat Client auf Informationen zugreife. Die Prinzipien und die Nutzung müssen gleich sein. Und das ist auch das Gute heute, dass eben das statische Verheiraten von Anwendungen mit den darunterliegenden Komponenten, mit den Clienten, dass das langsam verschwindet. Dass Sie eben als Anwender die Freiheit bekommen, hier in der Umgebung, in der Sie arbeiten, alle Informationen vernünftig zu nutzen.
Und wenn wir noch mal kurz auf diesen Aspekt des Betriebssystems gehen – Betriebsystem heißt nicht, dass das von Einem Anbieter kommt. Sondern es zeigt dass sich Betriebssysteme selbst massiv verändern. Wenn Sie verfolgt haben, was alles in den letzten Jahren in die Betriebssysteme, die es gibt, bereits gewandert ist, dann ist das ungeheuer. Oder wenn Sie sich angucken: wir waren vor ein paar Jahren schon einmal soweit, dass wir datenbankgestützt das Dokumentenmanagement schon hatten. OS2, wer kennt das noch? Hat sich leider nicht durchgesetzt, weil IBM es verpennt hat, das Zeug zu verschenken, weil die dafür Geld haben wollten, völlig falsch. Aber wenn wir uns jetzt die Veränderungen anschauen, wie wir mit Informationen umgehen, wo es früher mal desktopzentrisch oder computerzentrisch war, jetzt netzwerkzentrisch ist; irgendwann internetzentrisch ist, und ganz zukünftig informationszentrisch ist, dann spielen solche Argumente, wo ist die Speicherung, wo ist die Verwaltung, keine Rolle mehr, weil die Anforderung von Ihnen als Anwender ist ja, egal wo die Information ist, ich möchte sie im Kontext an der richtigen Stelle nutzen können. Und die zweite Anforderung von Ihnen ist, im Prinzip ist es mir vollkommen egal, in welchem Repository sie ist. Ich möchte nur, dass ich möglichst alle heterogenen Repositories erwische, um an alle Informationen mit den möglichst gleichen Mechanismen heranzukommen.
Und spätestes wenn wir mal so etwas wie ein Web-OS haben, das die hierarchische Struktur eines Dateisystems nicht kennt oder ganz andere Mechanismen besitzt, spätestens dann werden solche Dinge wie Archivierung irgendwo als Subsysten von den Speichersystemherstellern mit erledigt werden. Da wird es einen Zoo geben von speziellen Konvertern, sei es für PDF/A, die irgendwo im Untergrund röhren und einfach angesprochen werden. Und dann wird es darüber intelligente Applikationen geben.
BZ:
Dann sind wir nicht mehr beruflich tätig in dem Markt. Wir reden über wirklich lange Zeiträume.
Kff:
Ach. Wir reden nicht über sehr lange Zeiträume. Das ist etwas, was mich immer wieder erstaunt. Ich habe in einem Buch geschrieben – wobei ich mich nicht als Analyst sehe – was alles von meinen Vorhersagen schief gegangen ist. Das ist auch nachlesbar. Das Problem ist doch, es dreht sich alles so schnell. Das ist auch das Problem der IT-Leitung; da kann man sich eine IT-Strategie ausdenken und dann wackelt SAP nächstes Jahr in die eine Richtung und Microsoft wackelt in die andere Richtung und IBM wackelt in die nächste Richtung und dann hat man vielleicht noch ein paar andere Applikationen - und schon ist die schönste IT-Strategie dahin, weil die Geschwindigkeit, wie sich etwa entwickelt, enorm gewachsen ist. So gewachsen, dass viele Anbieter es noch nicht einmal hinbekommen, sich auf eine Version ihrer Software, vernünftig qualitätsgesichert, in einem Jahr beschränken. Und was ich ganz fürchterlich finde, sind dann solche Archivsysteme, die dann in der Version 17.0.1.2.3. ausgeliefert werden, mit dem Patch 14. Wo ich mich dann frage, ich speichere hier Informationen für zehn, zwanzig Jahre, und die kommen dann mit einer Software, die alle Nase lang sich ändert. Das darf nicht unterschätzt werden, diese Geschwindigkeit, gerade im Vergleich zu Beharrungstendenzen im Unternehmen.
Und das ist ein großes Problem, was Sie Anbietern wie SER machen. Einerseits erwarten Sie von ihnen, dass sie die schönsten, schicksten Anwenderoberflächen machen, immer ganz modern sind. Haben sie ja gezeigt. Auf der anderen Seite erwarten Sie aber gerade von einem DMS-Archivanbieter, dass die Information, die er im Archiv hat, auch nach dreißig Jahren noch lesbar ist. Das ist ein Spagat, der unheimlich schwer zu leisten ist. Und das ist auch einer der Gründe, warum die ganz Großen der Branche sich immer vor dem Thema Archivierung gedrückt haben. Und das ist unter Umständen auch einer der Erfolgsfaktoren für den Mittelstand, dass man hier Verantwortung übernimmt für die Informationen, die gespeichert sind. Und die Großen sagen, ja, mit der nächsten Version von Word kann ich sowieso kein Word Version 2.0 mehr lesen. Da liegt ihre Chance [an SER gerichtet].
HB:
Danke für dieses Statement. Ich möchte der Fairness halber auch dem Herr Zöller nochmals die Gelegenheit geben, vorher noch. Ich habe Volltext gesucht in Ihren PROJECT CONSULT Newsletter und dort gelesen von Anfang dieser Woche: Integration von ECM-, nicht DMS-, ECM-Funk¬tionalität in betriebssystemnahe Funktionen. Die eigent¬lichen ECM Produkte verlieren an Bedeutung. Jetzt ist es so, dass eine der rudimentärsten Funktionen von ECM die Verwaltung von beschreibenden Funktionen zu Informationssubjekten ist, also von Metadaten. Wenn ich dagegen das Betriebssystem nehme – es sind etliche Windowsanwender hier – eins der modernsten Betriebssysteme ist sicher das Microsoftprodukt Windows Vista. Wie ist es mit der Verwaltung von Metadaten zu Dokumenten in Vista?
BZ:
Es war ja ursprünglich der Hintergrund, da hieß Vista noch nicht Vista, sondern Cairo, als man es darauf abgesehen hatte, wir bauen ein Metadatenmodell, wir bauen Metadaten in das Betriebssystem rein. Ich kann dann bereits mit Betriebssystemmitteln nach Metainformationen recherchieren. Da war ein uns beiden bekannter Fachjournalist in unserer Branche, der hat auch seiner eigenen Branche das Sterbeglöcklein geläutet - jetzt geht alles in die Betriebssystemebene. Das ist nicht so. Wenn ich so etwas hätte, also diese Datenbankengine, die ist ja schon längst raus. Das ist halt eins der ersten Sachen, die rausgeflogen sind. Das wird so schnell auch nicht kommen. Aber wenn es gekommen wäre, auf Windowsumgebung, nicht auf UNIX, nicht auf den anderen Plattformen, sondern auf Windows gekommen wäre, was hätte ich denn dann, ich hätte eine Datenbank Runtime Engine. Hab ich Scann- und Indizierprozesse, hab ich ne Aktenverwaltung, hab ich Löschfristenverwaltung, Postkorb-, Workflow-Funktionen, Client Services, Mail-Archivierung, nein, nein, nein…ich hab ne Runtime Engine unten drunter, die mit bestimmten Objekten, die Eigenschaften der Objekte dem Betriebssystem bekanntmachen kann. So dass ich von allen beliebigen Anwendungen drauf zugreifen kann. Ich muss nicht erst Treiberanwendungsschichten bauen. Aber das kam nicht. Was wäre passiert, wenn es so etwas gegeben hätte? Dann hätte die Firma SER auch für kleine mittelständische Kunden das ohne SQL-Server oder Oracle oder DB2 zu lizenzieren, so ein schönes Package bauen können. Das wäre eine pfiffige Sache geworden, aber der SQL-Server für Small Medium Business ist nun auch alles andere als ein Kostentreiber. Also da hat sich für den Markt nicht viel geändert. Und deswegen sehe ich das nicht als relevant.
HB:
Danke auch für dieses Statement. Ich möchte Ihnen jetzt die Gelegenheit in einer Schlussrunde geben – ich hab’s bei Ihnen gehört [an Kff gerichtet]. In drei Sätzen ohne Nebensätze…
Kff:
Nein, die Regel ist anders: ein Satz, maximal drei Komma, maximal drei ‚unds’, und alles was darüber hinausgeht, kostet ne Runde Whisky. Nur zum Zitieren…
HB:
Die Runde ist groß. Ich würde sie um Ihr Schlussstatement bitten.
Kff:
Drei Themen sind besprochen worden.
Erstens: Ich halte MoReq2 für eine große Chance, die nicht leichtfertig vertan werden sollte.
Zweitens: der Markt verändert sich und erfordert, dass Sie in Ihren Unternehmen ständig monitoren, welche Auswirkungen das auf Ihre Umgebungen hat, um rechtzeitig reagieren zu können. Sei es mit Migration, Ergänzungen oder entsprechenden Anpassungen.
Drittens: bestimmte Funktionalität die früher ein USP in unserer Branche war, wird zum Allgemeingut. Das führt dazu, dass sich die Anbieter auf neue USP, insbesondere im Lösungsbereich neu besinnen müssen.
HB:
Vielen Dank. Herr Zöller.
BZ:
Ich halte MoReq1 für eine downloadbare Geschichte. Kann man sich durchlesen, wenn man seine eigenen Spezifikationen erstellt. MoReq2 halte ich für eine EU-skurile-bürokratische Geldverschwendung, die Ihnen nichts bringt. Ernstgemeinte Empfehlung: kaufen Sie sich lieber 24-Zoll-Bildschirme, Sachen die Ihnen etwas bringen. MoReq2 halte ich nicht für sinnvoll, weil veraltet, weil bürokratisch und es bringt Ihnen nicht den Vergleich der Produkte. Es wird darauf hinauslaufen, dass einige Anbieter sich zertifizieren lassen, und es bringt Ihnen nicht Ihren Smart oder Ihr Schiff oder was immer Sie brauchen. Ich glaube nicht, dass Sie diese DMS-Funktionen, die wir heute haben […], wir denken immer die Systeme können Akten verwalten. 50% der Systeme am Markt haben keine Aktenverwaltung. Die machen Belegarchivierung. Auch in Trivialitäten unterscheiden sich die Produkte noch fundamental voneinander. Ich seh das anders als der Uli, die Systeme sehen alle gleich aus. Die Systeme da draußen unterscheiden sich nicht nur in Bezug auf Farben, sondern unter der Haube, in der Funktionalität für den Endanwender, für den System¬integrator, für den Administrator, fundamental voneinander. Und da gibt es erhebliche Unterschiede und die wandern nicht in irgendwelche Infrastrukturebenen, in irgendwelche Speicher, oder auf Betriebssystemebene, sondern sind ne Domäne der DMS-Hersteller, die aber, und da geb ich dem Uli absolut Recht, sich ständig neue USP, aber über die muss man nicht nachdenken, die kommen von den Anwendern, die sagen, ich will jetzt nen Farbscann, ich will PDF/A, ich will Signaturen, ich will dieses und jenes.
Es kommen ständig neue Anforderungen, die umgesetzt werden. Das heißt, schneller neue Anforderungen, als einer, der nur Infrastruktur zur Verfügung stellt, die in seinem Betriebssystem oder seiner Datenbank umsetzen könnte. Also, ich glaube der Markt wird sich weiter profilieren. Er ist bereits sehr erfolgreich unterwegs. Ich glaube nicht, dass er sein Profil verliert, er wird zum echten ECM-Markt, wo es um alle Arten von Content geht, nicht nur um Dokumente, sondern um alle Arten, wichtige aufbewahrungswürdige oder sogar aufbewahrungspflichtige Dateien, Unterlagen, Informationen aller Art. Und deswegen und da haben wir, glaube ich, absolut Konsens, wird das Thema ECM und die Lösungen werden Infrastruktur für die Unternehmen. Ich hab schon lange keine Kosten-Nutzen-Rechnung mehr machen müssen. Die Unternehmen sagen, wie soll ich denn ohne solche Lösungen überhaupt meine Probleme lösen? Und deswegen ist es Infrastruktur bei vielen Anwendern geworden.
HB:
Vielen Dank für dieses Statement. Ich glaube es bleibt spannend im Markt. Ich darf mich an dieser Stelle bei beiden bedanken vor allem aber, ich denke im Namen von uns dreien beim Publikum, bei den Damen und Herren, die lange Geduld bewiesen haben. Ich denke, es war eine sehr, sehr interessante Diskussion, und darf Sie jetzt gleich auf den nächsten Agendapunkt hinweisen: das Abendessen. Herzlichen Dank.
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Zuletzt aktualisiert am: 15.10.2008
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